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Was haben Systema und die Templer gemeinsam?

Diese Frage kann man sich berechtigterweise stellen, wenn man einen Blick auf das Logo unseres Vereins wirft.

Es ist allerdings unmöglich diese Verknüpfung zu erklären, ohne dass man einen Blick auf die Historie richtet. Bekanntermaßen ist „Systema“ eine russische Kampfkunst, aber dass ihr Ursprung dem Schwertkampf der Krieger des Mittelalters entstammt, ist vielleicht nicht mehr ganz so bekannt. In jener Zeit (etwa vom Jahr 1000 bis zum Ende des 14. Jahrhunderts) bestanden die schlagkräftigsten militärischen Einheiten aus den schwer gepanzerten Reitern (Rittern) deren Aufgabe es war, mit Hilfe Ihrer ebenfalls teilweise gepanzerten Schlachtrösser Breschen in die Verteidigungslinien der Gegner zu schlagen.

Aus dieser zunächst rein militärischen Aufgabe entwickelte sich im Europa des Hochmittelalters der Stand des Ritters, der ausschließlich Adligen vorbehalten war. Im Gegensatz zu den anderen Gruppierungen der Ständegesellschaft (Bauern, Geistliche, Handwerker, etc.) waren die Adligen als einzige in der Lage, die immensen Kosten für die Ausrüstung eines Ritters zu tragen (ein voll ausgerüstetes Schlachtross beispielsweise kostete damals umgerechnet den Preis eine Kampfpanzers in der heutigen Zeit), sowie die Zeit für ein angemessenes Training im Kriegshandwerk aufzubringen.

Aber selbst den Adligen war es, sofern sie sich nicht im Kriegseinsatz befanden, nicht möglich, ihr Augenmerk ausschließlich auf das Training des Kriegshandwerks zu legen. Die Verwaltung ihrer Ländereien und Burgen sowie damit verbundene kaufmännische Aufgaben verschlangen viel Zeit und Aufmerksamkeit. Es ist daher kein Fehler zu vermuten, dass die Heere der Herrscher jener Zeit einen höchst unterschiedlichen und vom professionellen, militärischen Standpunkt aus betrachtet, zumeist eher zweifelhaften Kampfwert besaßen, da nicht alle Mitglieder dieser Heere in erster Linie professionelle Soldaten waren.

Nach der Eroberung Jerusalems durch ein europäisches Kreuzfahrerheer im Jahre 1099 im Rahmen des Ersten Kreuzzuges standen die im sogenannten „Heiligen Land“ befindlichen Truppen der Christen vor immensen Personalproblemen, da die meisten Angehörigen der Kreuzfahrerarmee nach der Einnahme von Jerusalem nach Europa zurückkehrten. In dieser Zeit waren Überfälle von Sarazenen (Sammelbegriff für die muslimischen Gegner der Christen), aber auch von gewöhnlichen Banditen und Straßenräubern auf christliche Pilgergruppen und Versorgungskarawanen an der Tagesordnung. Aufgrund dieser Tatsache verpflichtete sich im Jahre 1118 der französische Ritter Hugo de Payens zusammen mit sieben weiteren Rittern zur militärischen Sicherung der Straße zwischen Jaffa und Jerusalem um den christlichen Pilgern Schutz zu gewähren.

Vor dem König von Jerusalem legten die Männer das Mönchsgelübde ab (Keuschheit, Gehorsam, Armut), woraufhin dieser ihnen einen Teil seines Palastes (der Teil der über dem alten Tempel Salomons stehen sollte) als Basis zur Verfügung stellte. Hieraus entwickelte sich schnell der Name dieser Gruppe, die Herrn vom Tempel, Tempelritter oder kurz Templer genannt. Bei diesem im Grunde eher belanglosen militärischen Vorgang handelte es sich um ein für die damalige Zeit völlig neues und revolutionäres Konzept, nämlich die Verbindung von Mönch und Krieger in einer Person. Das Wesentliche an diesem Konzept war, dass der Krieger innerhalb dieser Gemeinschaft nicht für einen weltlichen Herrscher kämpfte, sondern sich als „Ritter des Herrn“ sah, der in seinem Ursprungsgedanken für die kämpfte, die sich nicht selbst helfen konnten (im damaligen Kontext allerdings nur sofern sie Christen waren).

Des Weiteren und das ist vom Standpunkt eines professionelle Kriegers aus betrachtet die wichtigste Erkenntnis, barg die Idee dieses Ritterordens die Möglichkeit, sich ausschließlich auf das militärische Handwerk zu konzentrieren. Dies führte dazu, dass die Templer und später auch die ihnen folgenden Ritter anderer Ritterorden (Johanniter, Deutschordensritter, etc.) als die einzigen professionellen Soldaten jener Zeit bezeichnet werden können. Daher waren die Ritter dieser Orden stets die Speerspitze der Armeen im Heiligen Land und bei ihren Gegnern berüchtigt und gefürchtet.

Da die Ritter des Templerordens aus allen Staaten Europas stammten, ist es nicht nur sehr wahrscheinlich, sondern im Zuge der gemeinsamen Überlebensbemühungen auf dem Schlachtfeld geradezu zwingend, dass ein reger Austausch von Kriegskünsten verschiedener Nationen während des gemeinsamen Trainings stattgefunden hat. Somit ist nicht ausgeschlossen, dass grundlegende Techniken des Systema aufgrund ihrer Effizienz auch bei diesen professionellen Kriegern des Mittelalters zur Anwendung kamen.

Das Logo des Templers hat demnach für unseren Verein vor allem zwei Bedeutungen: Zum einen ist es ein Symbol für eine höchst effiziente und über die Jahrhunderte evolutionäre (also sich weiterentwickelnde) Kriegskunst, die bereits auf den Schlachtfeldern des Mittelalters entstand, europäischen Ursprungs ist und die auch in der heutigen Zeit noch erlern- und anwendbar ist. Zum anderen ist es der Gedanke, Menschen beizustehen, die sich nicht selbst helfen können und die Hilfe benötigen. Diese Grundeinstellung ist gerade in der heutigen Zeit und angesichts regelmäßig wiederkehrender Diskussionen zum Thema „Zivilcourage“ nicht überholt. Im Gegenteil: sie sollte vielmehr von Kampfkunsttrainierenden verinnerlicht und gelebt werden.

Was der Templer in unserem Vereinslogo keinesfalls symbolisiert, ist die Verknüpfung mit jedweder Art von religiösem Gedankengut. Unser Verein, unser Training und unser Verständnis der Kampfkunst Systema sind völlig unpolitisch und unreligiös. Uns ist es wichtig dies besonders zu betonen, da die historischen Tempelritter als geistlicher Ritterorden letztlich eine Institution der katholischen Kirche waren.

(Verfasser: Norbert Tannert)